Forschungsprojekt «GIS-Dufour»

 

Altstetten (ZH) auf der Dufourkarte Bl. 8,
1861 (oben) und 1902 (unten)

 

 

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«GIS-Dufour»: Moderne Informationstechnologie für ein historisches Kartenwerk

Das Hauptziel des Projekts «GIS-Dufour» war die Entwicklung und funktionsbereite Einrichtung eines geografischen Informationssystems (GIS) auf der Basis von elektronisch aufbereiteten Dufourkarten (Erstausgabe 1845–1865 und Ausgabe um 1900). Die Dufourkarten als erste wissenschaftliche und landesweite Vermessung der Schweiz eignen sich für das Vorhaben nicht nur aufgrund ihres historischen Bezugs, sondern auch aufgrund ihres Massstabs von 1:100 000 und ihrer hohen Qualität. Sie wurden erst Mitte des 20. Jahrhunderts von den so genannten Landeskarten abgelöst, die weitergeführt heute elektronisch als VECTOR25- und VECTOR200-Produkte von swisstopo (Bundesamt für Landestopografie) angeboten werden.

Um eine weit gehende Deckungsgleichheit der historischen und der aktuellen Kartenwerke zu erreichen, wurden die gescannten Blätter der Dufourkarte in zwei Schritten nach Eckpunkten und nach einer Anzahl von weiteren Kartenpunkten georeferenziert, d.h. auf heute gültige Referenzpunkte bezogen. Damit ermöglicht es das Projekt erstmals, für das Gebiet der ganzen Schweiz historische und aktuelle Kartendaten komaptibel in einem System zu nutzen. Das Anwendungsgebiet liegt im Rahmen des Projekts in der Raum- und Verkehrsforschung, womit es direkt an das ebenfalls vom Nationalfonds geförderte ViaStoria-Forschungsprojekt «Transformationsphasen der Schweizer Verkehrsentwicklung 1750–1910» (Projekt Nr. 1114-064010.00) anschliesst und die dort erzielten Resultate optimal nutzbar macht. Das «GIS-Dufour» eröffnet jedoch ebenso neue Perspektiven für verschiedenste weitere Anwendungen, etwa für die Verkehrs- und Raumplanung, für Forschung und Lehre oder auch für mediale und museale Zwecke.

 

Die Entwicklung des Verkehrsnetzes im Überblick

Ein Hauptbestandteil des «GIS-Dufour» ist ein intermodales (Strasse, Schiene, Wasserwege) und mit Daten verknüpftes (Angebot/Nachfrage) Inventar des Verkehrssystems. Dazu wurden das Verkehrsangebot und die Verkehrsinfrastruktur in 20-Jahr-Schritten von 1750 bis 1910 digitalisiert beziehungsweise vektorisiert, mit Attributen charakterisiert und als Karten-Layer in das GIS integriert. Besondere Bedeutung kommt dabei der quellentechnisch anspruchsvollen Rekonstruktion und Erfassung des Strassennetzes zu, da bislang eine Aufarbeitung dieses zentralen Verkehrssektors für die Schweiz fehlte. Verknüpft mit weiteren Datenbanken, die im oben erwähnten Vorgängerprojekt erarbeitet wurden (z. B. Erreichbarkeitsdaten) oder bereits anderweitig vorhanden sind (z. B. Volkszählungsdaten zur Raumstruktur), entstand ein Instrument für die Verkehrs- und Raumforschung, das für Langzeitanalysen oder auch als Archiv- beziehungsweise Zugriffsmedium für beliebige raumrelevante Daten dienen kann.

Technisch wurde das «GIS-Dufour» offen konzipiert und realisiert, um grösstmögliche Flexibilität zu erreichen. Es kann mit handelsüblicher Software betrieben und räumlich, zeitlich oder thematisch problemlos erweitert werden, z. B. durch die Integration weiterer Karten, neuer thematischer Ebenen (z. B. auch historische Siedlungs- oder Waldflächen, Gewässer oder Gletscher) oder mit ergänzenden und erweiterten Datenbanken. Die Kooperation mit anderen Forschungsgruppen und Instituten (GIS-Fachstellen, Swisstopo) stellt eine nachhaltige Nutzung des geplanten GIS sowie dessen Anschluss an aktuelle Datenbestände sicher.

Zum «GIS-Dufour» vgl. auch die im Rahmen des Projektes verfasste Dissertation: Flury, Philipp. Regionale Verkehrssysteme in der Schweiz. Entwicklung und Anwendung eines Geographischen Informationssystems für die Analyse von Erreichbarkeiten und Raumstrukturen während der Verkehrsintensivierungen des 19. Jahrhunderts, Dissertation GIUB, Manuskript, Bern 2008.

 

Ein ausgewiesenes Bedürfnis der Forschung

Ein Kernproblem der aktuellen (historischen) Verkehrs- und Raumforschung ist, dass zwar viele Datenbanken und Einzelstudien existieren, diese aber meist in mehrfacher Hinsicht isoliert sind: Es fehlt einerseits die Vernetzung zwischen historischen und aktuellen Daten, zwischen «Vergangenheit» und «Gegenwart» und andererseits die Vernetzung der Daten mit dem Raum und seiner Entwicklung, also mit der historischen Kartografie. Diese Defizite sind im «GIS-Dufour» durch die Verbindung historischer Kartenbestände aktuellen und historischen Rauminformationen aufgearbeitet.

In der Forschung besteht ein ausgewiesenes Bedürfnis nach einer solchen kartografiegestützten Datengrundlage. Sie schliesst eine wichtige Lücke für bisher fehlende Langzeitstudien der Verkehrs- und Raumforschung. Aber auch für zukunftsgerichtete kulturräumliche und landschaftspolitische Entscheidungen, etwa der Raum- und Verkehrsplanung, der Land- und Forstwirtschaft, der Regionalplanung und des Tourismus, sind die historisch gewachsenen Raumstrukturen eine zentrale Grundlage. Das «GIS-Dufour» wird auch hier wertvolle Grundlagen bieten.

 

Der «GIS Dufour» als Forschungsdienstleistung

Gegenwärtig arbeiten wir daran, die Resultate des Nationalfondsprojektes in eine Forschungsdienstleistung zu überführen. In Zukunft wird es möglich sein, historische Raum- und Verkehrsananalysen für die Schweiz oder scheizerische Regionen durch das Projektteam ausführen oder begleiten zu lassen.